Die Wissenschaft hat viele Namen: Publizistik, Kommunikationswissenschaft, manchmal auch Medienwissenschaft. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich die Medien als Untersuchungsobjekt ausgewählt haben. In Zeiten, in denen viele Experten von einer „mediatisierten“ Gesellschaft sprechen, einer Gesellschaft, in dem Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zunehmend nach den Gesetzen der Medien ticken bzw. sogar nur wegen den Medien existieren, ist einer kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Medien und eine Analyse derer, die sie machen und bestimmen, zwingend geboten.
Kommunikationswissenschaftliche Studiengänge erfreuen sich großem Zulauf an den Universitäten. Schließlich ist der Wunsch vieler Abiturienten nach wie vor ungebrochen, später mal „was mit Medien“ zu machen. Und wo sich viele Studenten einschreiben, werden auch – ja, auch so etwas gibt es noch – neue Professuren geschaffen.
Zwischen dem, was sich Erstsemester von ihrem Kommunikationswissenschafts-Studium erhoffen und dem, was die Universitäten anbieten, liegt allerdings eine riesige Lücke. Das zu bemängeln, wäre müßig, denn normalerweise sollten sich angehende Studenten eingehend darüber informieren, was ihnen ihr zukünftiges Studium genau bietet. Die Universität muss hier nicht auf die (realitätsfernen) Vorstellungen der Studenten eingehen. Wer etwas „mit Praxis“ lernen will, kann eine Ausbildung machen oder an eine FH gehen.
Universitäten sollen ein theoretisches Wissen und, wie im Fall der Publizistik- oder Kommunikationswissenschaft, einen sicheren Umgang mit den Methoden der empirischen Sozialforschung ermöglichen. Und diese Wissenschaft an sich soll darüber hinaus im Idealfall auch als kritischer Beobachter der Medien und ihrer Wirkungen auf oben genannte Bereiche der Gesellschaft fungieren. Aber genau hier liegt das eigentliche Problem der Kommunikationswissenschaft.
Denn sie ist eine Wissenschaft, die leider zur Geschwätzigkeit neigt. Nimmt man sich eines der vielen Fachjournale zur Hand, findet man darin grundsätzlich einen Artikel, von dem man weder weiß, was genau der Autor / die Autorin nun genau damit sagen möchte. Dazu kommt, dass man sich nicht selten fragen muss, was genau denn nun so wichtig an Fragen ist, wie etwa „parasoziale Verbindungen zwischen Zuschauern und Soap-Charakteren“. Auch werden wahrscheinlich nur ein paar Promille der Gesamtbevölkerung verstehen, was sich hinter „Instrumenteller Aktualisierung“ verbirgt. Und wer es versteht, wird sich ganz ernsthaft fragen, wo genau der gesellschaftliche Gewinn anhand der Erkenntnis dieses „Phänomens“ liegt.
Kurzum: Die Kommunikationswissenschaft arbeitet leider extrem kurzsichtig. Oftmals hat sie wirklich potentiell hoch interessante, und auch für die gesamte Gesellschaft sehr bedeutende, Themen direkt vor sich liegen. Doch anstatt dass man sich an den Lehrstühlen den wirklich relevanten Themen annimmt, werden diese anderen Fachbereichen freiwillig überlassen.
Beispiel 1: Bei der geplanten Übernahme von ProSieben-Sat.1 durch Axel Springer waren es vor allem Juristen, die die Probleme für eine pluralistische Meinungsbildung durch diese Fusion aufzeigten. Hat aber die Kommunikationswissenschaft nicht ein deutlich schärferes Instrumentarium zur Hand, um der Öffentlichkeit die bei dieser Fusion drohenden Konsequenzen für die Meinungsfreiheit aufzuzeigen? Leider wurden diese überhaupt nicht genutzt, stattdessen waren es einmal mehr nur die Juristen, deren Meinung in der Öffentlichkeit gefragt war.
Beispiel 2: Mit dem Aufkommen des Internet bahnen sich massive Veränderungen in der Medienlandschaft und dem Mediennutzungsverhalten des einzelnen Menschen an. Das Internet birgt sowohl ein enormes Potential für die Demokratisierung und Aufklärung breiter Bevölkerungsschichten. Die komplette Medienwirtschaft wird vom Internet durcheinander gewirbelt. Gleichzeitig zeigen sich Gefahren für den Zusammenhalt von Gesellschaften und Gruppen auf. Besetzt die Kommunikationswissenschaft dieses Thema, obwohl es zu ihrem ureigenstem Arbeitsgebiet (Medien -> Medienwirkungen -> Gesellschaft) gehört? Nein, das Rampenlicht wird abermals Juristen und Soziologen überlassen.
Dazu kommt, dass die Kommunikationswissenschaft regelmäßig zu kurz greift. Während Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie oder Psychologie über ein nahezu unbegrenztes Erkenntnisfeld verfügen, muss sich die Kommunikationswissenschaft (momentan) immer nur auf das kleine Feld „Medien“ beschränken. So werden gerade auch bei wirklich interessanten Forschungsansätzen oft kurz vor der wirklich spannenden Erkenntnis Halt gemacht, da das dann nicht mehr zum Erkenntnisgebiet dieser Wissenschaft gehört. Die Lorbeeren ernten dann andere Wissenschaften.
Die Moral von der Geschichte: Die Kommunikationswissenschaft hat enormes Potenzial, das aber kaum genutzt wird. Damit sie aus ihrem traurigen und unbedeutenden Nischendasein heraus kommt, müssen sich zwei Dinge ändern:
- Es müssen neue Wissenschaftler her, die sich nicht mehr so derart sklavisch und weltfremd der Entwicklung und Anwendung von sozialwissenschaftliche Methoden verschreiben. Es gibt, wie oben beschrieben, so viele Forschungsfelder, die noch komplett unbesetzt sind, auch weil viele altgediente C4-Professoren die neuesten Entwicklungen kaum noch begreifen, bzw. begreifen können.
- Die Kommunikationswissenschaft muss sich in vielen Fällen von ihrer Zwangsjacke befreien, die es ihr verbietet, interessante Felder zu bearbeiten, nur weil das mit dem bestehenden, strengen Methodenkorsett nicht möglich ist.
Nur so ließe sich die gesellschaftliche Bedeutung der Kommunikationswissenschaft erreichen, die sie eigentlich in unserer Mediengesellschaft verdient. Es wäre ein langer und harter Weg. Aber es ist möglich.



