Montag, 24. September 2007

Targeting beim Telefonieren

Dass ich als Internetnutzer damit rechnen muss, dass Anbieter meine Nutzungsdaten auswerten, um mir passgenaue Werbung anzuzeigen, ist nicht neu. Dass es jetzt ein Unternehmen gibt, das dieses Modell auch auf Internet-Telefonie übertragen will, schon. Pudding Media heißt dieses Startup, über das die NYT heute berichtet:

"Pudding Media is eavesdropping on phone calls in order to display ads on the screen that are related to the conversation. Voice recognition software monitors the calls, selects ads based on what it hears and pushes the ads to the subscriber’s computer screen while he or she is still talking.

A conversation about movies, for example, will elicit movie reviews and ads for new films that the caller will see during the conversation. Pudding Media is working on a way to e-mail the ads and other content to the person on the other end of the call, or to show it on that person’s cellphone screen."

Die Werbung wird dann während des Telefonierens im Browser angezeigt. Und das sieht dann etwa so aus:



"Mr. Maislos (der Gründer) said he thought that young people, the group his company is focusing on with the call service, are less concerned with maintaining privacy than older people are."

Ein Schelm, wer Böses denkt. Mit anderen Worten: Wenn es der jungen Generation ohnehin Schnuppe ist, ob ihnen jemand dabei zuhört, wie sie sich z.B. über den letzten Arztbesuch unterhalten, kann man daraus ja gleich noch ein Geschäftsmodell machen und dank dieser Sorglosigkeit ganz viel Geld mit der Offenheit junger Menschen verdienen. Was Google bei E-Mails macht, das will Pudding auch mit VoIP schaffen. Denn, O-Ton Gründer Maislos:

"“The trade-off of getting personalized content versus privacy is a concept that is accepted in the world,” he said."

Das mag vielleicht schon für Suchanfragen gelten. Aber ob sich wirklich Menschen finden, die für einen Gratis-Telefondienst einen derart tiefen Einblick in ihre Privatspäre zulassen? Ich glaube schon. Zum einen, weil vielen Menschen ihre Privatspäre (im Tausch gegen Gratis-Dienste) wirklich zunehmend unwichtiger wird (wer sein ganzes Leben ohnehin schon bei MySpace und CO. ausbreitet, schreckt auch vor so einem Telefondienst nicht mehr zurück).

Und zum anderen, weil ein ähnliches Startup aus dem Silicon Valley bereits sehr positive Erfahrungen mit einer ähnlichen Schnüffel-Geschäftsidee gemacht hat:

"Integrated Media, also known as IMMI, (...) recruits teenagers as well as adults up to age 54 to carry a special cellphone at all times for two years. (In exchange, it pays all their cellphone costs.) The phone captures 10 seconds of audio from its surroundings every 30 seconds. Those samples are compressed into small digital files, called fingerprints, and uploaded to the company’s servers in California. There, the files are compared with samples of the media being measured, using a technology called acoustic matching.

Thus, IMMI can measure the number of participants who have heard an advertisement not only on television and radio, but also on digital video recorders, game players, cellphones, DVDs and CDs. The technology also works at films, concerts or sporting events.
"

Werbeerfolgsmessung mal ganz anders: Freiwillige Testpersonen tragen ein Handy mit sich herum, das den Werbungtreibenden verrät, welche Filme und Fernsehsendungen sie gucken. Nach so einer Technologie lecken sich natürlich sämtliche Medienfirmen die Finger. Einzige Frage: Machen da Leute wirklich freiwillig mit? Allerdings, und wie:

"IMMI has signed up 3,000 participants in urban and suburban centers, and hopes to recruit an additional 2,000 in more scattered regions. But it will require more to compete with Nielsen’s endlessly replenished volunteer army."

Schon 3.000 Freiwillige, die einer Firma preis geben, wann und wo sie sind und was sie da so machen.

Freitag, 21. September 2007

Googles Probleme mit dem eigenen Anspruch

Dass Google Probleme hat, sein eigenes Motto "Don't be evil" glaubhaft zu vertreten, ist bekannt. Die FT hat dazu einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht. Unter anderem mit einer erstaunlichen Wendung von Google gegenüber DoubleClick:

"Just two years ago, the Financial Times has established, Google abandoned a potential acquisition of DoubleClick. At the time there were concerns that a fundamental part of the way the online advertising company does business – using “cookies” to collect banks of data on users so it can target adverts to them – conflicted with the much-touted ethical principles of Google’s founders, though that is not understood to have been one of the main reasons the deal fell through.

By proceeding with a deal in the spring, Google showed how it has struggled to apply its cherished business principles in practice, including its well-known internal motto: “Don’t be evil.”"

Interessant: Vor zwei Jahren war Google die Cookie-Praxis von DoubleClick noch zu "böse". Cookies einsetzen, um Werbe-Targeting zu verbessern? Nicht mit Google. Doch wenn eine Firma so rasant wächst wie Google und auf zig Märkte - horizontal wie vertikal - vordringt, geht im Laufe der Zeit wohl auch das eine oder andere Mal eine Aktion vonstatten, die schon nicht mehr ganz so un-evil ist.

Da empfiehlt dann auch der Wirtschaftsprofessor aus Harvard:

"“When you’re a grown-up company,” says David Yoffie, a professor at Harvard Business School, “ ‘Don’t be evil’ is too simplistic. You have to evolve it and develop it.”"

Mit anderen Worten: Ist man erstmal so groß wie Google, sollte man ein Motto mit einem derartigen Absolutheitsanspruch wohl lieber über Bord werfen. Ansonsten läuft man Gefahr, sich selbst ein klein wenig unglaubwürdig zu machen.

Und die FT liefert noch weitere Beispiele, dass Google sich schon längst mich mehr an das eigene Motto hält:

"Google’s decision early last year to launch a censored search engine in China became an early lightning rod, since its stance appeared so clearly at odds with its self-declared mission – to make “the world’s information universally accessible and useful”."

Und:

"A small number of cases that have thrown a harsh light on the practices of some members of its salesforce appear to justify that early caution. Earlier this year, two Google salesmen antagonised some of the biggest media companies by actively recommending the search engine’s advertising system for use by websites that make money by distributing pirated content.

More recently, an over-zealous advertising rep wrote on a Google blog that advertising on the search engine could be a useful vehicle for interest groups seeking to counter criticism of the US healthcare system made by filmmaker Michael Moore.
"

Trotz alledem: "Don't be evil" ist ein klasse Motto, weil es bei jedem wegen seiner Eingängigkeit hängen bleibt. Und ein großen Teil zu der Andersartigkeit von Googles Image beiträgt. Es wäre wirklich schön, wenn Google sich ab und zu an seine Anfänge erinnern würde. Und, angesichts des eigenen enormen finanziellen Erfolgs eventuell zugunsten des guten Images auf die ein oder andere fragwürdige Transaktion verzichten würde. Das wäre mal ein wirklicher PR-Coup.

Wie das Internet die Demokratie gefährden kann

Das Internet kann viel für die Demokratie tun. Es kann auch helfen, Meinungsfreiheit in Gesellschaften herzustellen, die unter repressiven Regimen leiden. Nicht umsonst hat Iran eine der hächsten Blogger / Einwohner-Verhältnisse.

Das Internet kann der Demokratie aber auch gefährlich werden. Zum Teil, weil dort Extremisten ihre Propaganda vmunter erbreiten und damit ein zunehmend großes Publikum erreichen. Das gilt für Neonazis wie für Islamisten. Auch dass immer mehr Regierungs-, Sicherheits- und Militärfunktionen über Rechner und mithin auch das Internet gesteuert werden, setzt eine funktionierende Demokratie zunehmenden Risiken aus - siehe "Trojaner im Kanzleramt" und Hackerangriffe aus Russland.

Aber da gibt es noch etwas. Sollten sich erstmal sämtliche analogen Medien weitest gehend verabschiedet haben - das wird aller Voraussicht nach schon in ein paar Jahrzehnten der Fall sein - laufen sämtliche Nachrichtenströme ausschließlich über das Internet. Professionelle Journalisten stehen im Wettbewerb mit Amatuer-Journalisten, die ihr Angebot nur ein paar Klicks entfernt anpreisen. Die Gefahr an dem ganzen: Es gibt keine Plattformen mehr, auf der Debatten ausgetragen werden, die die ganze Gesellschaft betreffen, von denen jeder etwas mitkriegt und die einen großen Teil des "kollektiven Gedächtnisses" einer Gesellschaft ausmachen.

Historikerdebatten sind hierfür ein gutes Beispiel. Debatten bspw. über die deutsche Vergangenheitsbewältigung sind wichtig - ich meine lebenswichtig - für das Zusammenleben, die Modernisierung und die "Standortbestimmung" einer Gesellschaft. Überregionale Zeitungen und Zeitschriften und der ÖR Rundfunk stellen momentan sicher, dass über kurz oder lang nahezu jeder Bürger mit diesen Themen in Berührung kommt und sich optimalerweise eine Meinung darüber bildet.

Zumindest am öffentlich rechtlichen Rundfunk werden wir uns nach dem "Rundfunkurteil" letzter Woche noch auf absehbare Zeit erfreuen können. Der federführende Richter des Urteils, Medienrechtler Wolfgang Hoffmann-Riehm, wurde für die Rückwärtsgewandtheit seines Urtiles gescholten, ich meine: zu Unrecht. Vor allem der Satz, der öffentlich rechtliche Rundfunk wäre die einzige Garantie für das Fortbestehen der Meinungsfreiheit und -bildung in Deutschland, wurde von vielen Kommentatoren ins Lächerliche gezogen. Ich denke, da steckt - angesichts den Entwicklungen in der Medienwirtschaft und -nutzung - mehr Wahrheit drin, als man zunächst denken mag. Und zwar aus den von mir oben ausgeführten Gründen.

Dasselbe Thema macht auch in den USA die Runde. Vor allem das Internet bewirke, dass sich Gesellschaften immer mehr in Teilpublika auflösten, eine gemeinsame Öffentlichkeit sei immer schwerer herzustellen. In der Kommunikationswissenschaft fällt das unter das Thema "Digital Divide. Der Economist hat in seiner aktuellen Ausgabe eine Buchbesprechung mit einem führenden Theoretiker zu diesem Thema. Zitat:

"One worrier is Cass Sunstein, a law professor at the University of Chicago. In “Republic.com 2.0” he points to the danger of niches becoming “echo chambers” in which only the views of like-minded people are heard, thanks to the internet making it easy for people to filter information into a personalised selection, “the Daily Me”. A healthy democracy, he argues, depends on exposure to diverse or unexpected opinions. If Americans wall themselves off from topics and opinions they prefer to avoid, narrowing their horizons, their democracy will suffer."

Zwar eine amerikanische Perspektive (ich denke, Deutschland ist dank des ÖR Rundfunks noch ein bisschen besser abgesichert), aber trotzdem trifft das meine Meinung ziemlich genau auf den Punkt. Bleibt nur die Frage: Wie geht man mit diesen Herausforderungen um?

Mittwoch, 19. September 2007

Google versteigert jetzt auch Plakate...

...und macht dafür sogar Werbung im Real Life. Das ist neu. Sonst lässt seine Google seine Produkte / Dienste eher für sich selbst sprechen. Marketing wird höchstens bei Geeks / Early Adopters betrieben. Das sieht dann so aus:


Und das Bild wurde nicht in irgend einer hippen Innenstadt aufgenommen (was nicht unschwer zu erkennen ist) , sondern im Hinterland von New York State.

Dienstag, 18. September 2007

Fox startet personalisierte Werbung auf MySpace

Social Networking Sites sind der Renner im Internet. Das ist bekannt. Weniger bekannt (und das gilt vermutlich sogar für einige der Betreiber) ist, wie mit diesen Seiten Gewinne erwirtschaftet werden sollen. Dass das über Werbung geschehen soll, liegt auf der Hand. Allerdings, um die enormen Datenmengen, die hochfrequentierte Seiten wie Facebook oder MySpace erzeugen zu amortisieren, müsste dafür schon sehr viel Werbung her. Oder eine ganz neue Form von Werbung.

Das hat man sich wohl auch bei Fox, dem Besitzer von MySpace, gedacht. Die Lösung: Demnächst wird auf MySpace auf jeden Nutzer zugeschnittene Werbung geschaltet. Das ist keine neue Technologie, Medien und Werbungtreibende träumen praktisch seit Erfindung des Internets, mithilfe der Daten, die jeder Nutzer im Internet hinterlässt, individuell zugeschnittene Werbungen zu platzieren. Die Idee, die dahinter steht, ist einleuchtend: Je eher die Werbung den Interessen des Nutzers entspricht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er die Werbung als interessant empfindet. Das Wort "Streuverlust" sollte demnach bald der Vergangenheit angehören.

Das Problem war lange Zeit nur, dass es auch in Zeiten von digitalen Medien nach wie vor schwer ist, wirklich präzise auf den einzelnen Nutzer abgestimmte Werbung machen zu können. Nun gibt es aber die massenweise genutzten Social Networking Sites. Und mit denen ist man der individuellen Werbung einen großen Schritt näher gekommen - theoretisch. Zitat New York Times:

"The social networking companies see those pages as a lush target for advertisers — if only they could customize the ads. Although Internet companies have talked about specifically aiming their ads since the inception of the Web, so far advertising on social networks has been characterized by mass-marketed pitches for mortgages and online dating sites."

Wenn die Nutzer schon freiwillig Angaben über ihre Sexual-, Musik- oder Essensvorlieben machen, müssten sich diese Daten eigentlich auch gewinnbringend nutzen lassen (wieder die NYT):

"“We are blessed with a phenomenal amount of information (Hervorhebung durch den Verfasser) about the likes, dislikes and life’s passions of our users,” said Peter Levinsohn, president of Fox Interactive Media. (...) To the consternation of privacy advocates, who say Internet users are unaware of such activity, the social networks regard these detail-stocked profile pages as a kind of “digital gold,” as one Fox executive put it last year."

Das sind klare Worte. Nutzerinformationen sind ein "Segen", Profilseiten sind "digitales Gold". Jetzt muss dieses Gold nur noch veredelt werden. Denn: Wenn man schon exklusiv über so eine schiere Menge von (freiwillig gemachten!) Informationen einer - für die Werbung - Traumzielgruppe (14-34 Jahre, trendy, konsumorientiert, usw.) verfügt, ist das die potentielle Goldgrube. Denn so ließen sich die "Customized Ads" realisieren, mit angeblich beeindruckenden Erfolgen (nochmal NYT):

"Clicks on tailored Auto ads more than doubled and and clicks on music ads jumped by 70 percent"

Wer solche Ergebnisse dank individualisierter Werbung erreicht, kann konsequenterweise auch einen ordentlichen Aufschlag von seinen Werbekunden verlangen. Und wie das Targeting in der Praxis ablaufen soll, erklärt die NYT auch ganz anschaulich:

"A member might be obvious by describing himself as a financial information enthusiast, for example. But more than likely the clues are more subtle. He might qualify for that category by listing Donald Trump as a hero, Fortune magazine as a favorite publication or “Wall Street” as a favorite movie."

Das ist die erste Stufe. Quasi Targeting light. Aber die Fox-Pläne gehen noch weiter:

"For the last two months, Fox Interactive has also experimented with the second phase of its targeting program, called “hyper targeting,” in which it further divides the 10 enthusiast categories into hundreds of subcategories. For example, sports fans are divided into subgroups like basketball, college football and skiing, while film enthusiasts are further classified by their interest in genres like comedies, dramas and independent films, and even particular actors and actresses."

Und was soll man davon halten? Dass auf lange Sicht die großen Medienhäusern mithilfe ihrer Social Networks und deren Daten versuchen, Geld zu verdienen, war abzusehen. Mal schauen, wann man Ähnliches in Deutschland bei StudiVZ zu sehen bekommt. Holtzbrinck weist ja jegliche Versuche von Targeting weit von sich. Mal sehen, wie lange das sp noch Bestand hat.

Freitag, 14. September 2007

iPhone wichtiger als Irak-Krieg? Nein, danke

Für mich ein Beweis, dass man das Nachrichtengeschäft auf absehbare Zeit nicht den Nutzern anvertrauen sollte: Eine Studie eines amerikanischen Journalismus-Forschungsnetzwerks hat herausgefunden, dass sich die Agenda von professionellen Nachrichtenseiten und von den Nutzern selbst zusammengestellten Nachrichtenseiten (z.B. digg) signifikant unterscheiden.

Ist das ein Grund zur Sorge? Ich meine: ja. Es wird ja viel darüber diskutiert, dass man bald überhaupt keine professionellen Journalisten als Gatekeeper mehr bräuchte, das würde die "Weisheit der Massen" alles ganz alleine erledigen. Thema Bürgerjournalismus und so.

Das Problem ist nur: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der iPhone-News mehr Platz bekommen als die Berichterstattung über den Irak-Krieg. Das ist eins der Ergebnisse beim Vergleich zwischen der Nachrichtenagenda der Nutzerseiten und der professionellen Seiten. Solange sich häuptsächlich nur Technik-Nerds oder solche oder solche Leute im Internet als Hobby-Journalisten betätigen, würde ich persönlich einiges dafür tun, die etablierten Nachrichtenproduzenten mit wirklich fähigen Journalisten zu behalten. Auch als Gatekeeper und Agenda-Setter.

Alles, nur bloß keine Leute, für die Datenschutz und die neueste Linux-Version wichtiger ist als Arbeitslosigkeit und Afghanistan-Einsatz.

Mittwoch, 12. September 2007

Montag, 3. September 2007

Google und das Handy

Und nochmal Google: Dass die Kalifornier angeblich dabei sind, ein Handy zu entwickeln, hat sich ja schon längst herumgesprochen. Interessant finde ich die These, dass das Gerät wohl nicht als Konkurrenz zu Apples iPhone gedacht sein soll, sondern eher eine Art 100-Dollar-Laptop im Handy-Format werden soll. Vermarktet werden soll es wohl vor allem in Emerging Economies (gibt es dafür eigentlich eine passende deutsche Entsprechung?), unter anderem auch in Indien.

Das überraschende ist dabei, dass Google bis jetzt ein reines Dienstleistungsunternehmen ist und der Suchmaschinenriese null Erfahrung auf dem Gebiet der Hardwareentwicklung hat. Aber Erfahrung kann man sich ja (in Form von Personal) kaufen. Oder Outsourcen.

Dass Google sich für das Geschäft mit Handys - im weitesten Sinne - interessiert, ist klar, seitdem bekannt wurde, dass das Unternehmen für neue Mobilfunklizenzen in den USA mitbietet. Noch ein spannendes Feld: Wird Google unter die Netzbetreiber gehen? Wenn ja, wie soll das finanziert werden?

Das ist die spannendste Frage bei dem ganzen Tohuwabohu um Googles Handy-Ambitionen: Vermutlich versucht Google, ein komplett entgeltfreies Mobilfunknetz aufzubauen, eventuell sogar mit dem dazu passenden (sehr günstigen) Handy. Da Google ein Werbeunternehmen ist und sich bekanntermaßen auf allen wichtigen Kanälen, über die Werbung gesendet werden kann, etabliert, ist der Schritt in den Handymarkt nur die nächste Konsequenz.

Insbesondere, wenn man bedenkt, dass "Mobile Marketing" oder "Location based Advertising" das nächste große Ding in der Werbewirtschaft sein soll. Da muss Google natürlich präsent sein. Man stelle sich nur vor, was für Ansprachemöglichkeiten für die Werbungtreibenden sich auftun, wenn sie jeden Nutzer individuell und ortsabhängig ansprechen könnten. Da winken viele Dollarscheine für Google.

Wenn die Googler davon überzeugt sind, dass sie ihre AdSense-Technik und ihr Know-how im Umgang mit Nutzerdaten und -statistiken nutzen können, stehen die Chancen wohl nicht schlecht, dass die Suchmaschinenfirma tatsächlich ein komplett (für den Nutzer) kostenfreies Mobilfunknetz auf die Beine stellt, dass sich ausschließlich über Werbung finanziert. Selbst der Preis des "G-Phone" konnte auf diese Art durch Werbung subventioniert werden.

Allerdings: Kann ein Unternehmen mit ca. 13.000 Mitarbeitern wirklich aus dem Stand ein den eigenen Qualitätsansprüchen genügendes Handy und ein komplettes, landesweites Mobilfunknetz auf die Beine stellen?

Sonntag, 2. September 2007

Wer hat Angst vor Google?

Ich bin ja unheimlich fasziniert von dem Unternehmen Google. Ich finde es beeindruckend, wie innerhalb von nicht einmal einem Jahrzehnt aus einem Startup ein internationales Unternehmen geworden ist, das an der Börse mehr wert ist, als GM, Ford, DaimlerChrysler und VW zusammen. Beeindruckend auch, wie Google innerhalb von nur wenigen Jahren zum beliebtesten Arbeitgeber bei amerikanischen Studenten geworden ist. Und nicht weniger beeindruckend, wie unaufhaltsam der Aufstieg von Google in nahezu allen Bereichen, in denen die Firma tätig ist, anhält. Von Quartal zu Quartal wird ein Umsatz-, Gewinn- und Nutzerzahlenrekord nach dem anderen aufgestellt und gleich im nächsten Quartal schon wieder übertroffen. Wie gesagt, beeindruckend.

Erstaunlich ist dabei auch, dass es Google gelungen ist, trotz dieses rasanten Wachstums und trotz der dominanten Stellung, die man auf dem Suchmaschinenmarkt hat, in der öffentlichen Wahrnehmung als sehr positiv dazustehen (allerdings mit Ausnahmen bei den Leuten, die sich etwas mehr als andere für Datenschutz interessieren - denen war und ist Google schon immer nicht ganz geheuer). Einen Teil dazu beigetragen hat mit Sicherheit Googles selbst ausgerufenes Firmenmotto: "Do no evil". Ein PR-Kenner würde sagen: Ein kluger, weil einprägsamer und - gegenüber etablierten Branchenvertretern (Microsoft & Co) deutlich alleinstellender Slogan.

Dass Google den Menschen im Alltag - ganz besonders den Studenten und Menschen in wissensintensiven Berufen - das Finden von Informationen enorm erleichtert hat, hat sicherlich auch einen großen Teil dazu beigetragen, dass ein Großteil der westlichen Bevölkerung Google mit großen Sympathien entgegenkommt. Welches andere Unternehmen kann sich schon rühmen, dass man mit seinem Namen im Duden steht ("googeln")?

Etwas zynischer klingt meiner Meinung dagegen schon der Ausspruch von Google-CEO Eric Schmidt, wenn er sagt, dass es nicht Googles primäres Ziel sei, Geld zu verdienen. Man wolle vor allem alle Informationen der Welt zugänglich machen. Das klingt zwar ganz nett und nach altruistischem Gutmenschentum, hat aber mit der Realität wohl nicht ganz so viel zu tun (zumindest in dieser Rangfolge der Unternehmensziele). Und man muss schon recht blauäugig sein, um ein solches Statement für bare Münze zu halten.

Trotzdem zeigt das ständige Wiederholen dieses von Google selbst ausgegenebenem obersten Unternehmsziel (die Informationen der Welt zugänglich zu machen) deutliche Wirkung. Bei so ziemlich jeder Präsentation eines neuen Google-Produkts schreien zunächst die auf, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen (Zeitungsverlage bei Google News, Buchverlage bei der Book Search). Die breite Öffentlichkeit, wie auch nach und nach ein Großteil der Medien, scheint aber doch Sympathien für das mit den neuen Produkten verbundene Unternehmensziel zu haben. So zumindest erkläre ich mir den geringen Widerstand, der sämtlichen Google-Produkten entgegengebracht wird. Der Erfahrungs- und Nutzenwert überwiegt dann doch alle Bedenken.

Bis jetzt kennt Google nur rasantes Wachstum. Viele Beobachter meinen aber, dass der Suchmaschinenbetreiber in naher Zukunft seine erste Krise überstehen muss, bzw. sich mit einem deutlich verlangsamten Wachstum abgeben muss. Diese Woche kündigte der Google-CFO George Reyes zum Ende des Jahres seinen Rücktritt an. Er ist 53 Jahre alt, arbeitet seit 2002 bei Google und hat in dieser Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag verdient. Da kann man sich dann auch mal zur Ruhe setzen. Scheidet man aber mit Anfang 50 freiwillig aus einer Top-Position bei so einem Unternehmen einfach so aus? Oder ist das das erste Anzeichen für heraufziehenden Ärger im Silicon Valley?

In einer großartigen Titelgeschichte beschreibt der Economist in seiner aktuellen Ausgabe, wo es überall hakt bei Google. Und, wenn man mal die "Do no evil"-Brille beiseite legt, erkennt man: Auch ein vermeintlich unverwundbares Unternehmen zeigt sich anfällig für Probleme. So berichten in dem Artikel mehrere Ex-Googler (Xoogler genannt), dass sich viele der tollen Mitarbeiterprivilegien als zwiespältig entpuppen: Gratismassagen-, essen und -sporteinrichtungen sind toll, allerdings wird dafür auch fast unbegrenzter (zeitlicher) Einsatz für die Firma verlangt. Von der viel gelobten 20-Prozent-Regel (Angestellte sollen 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ausschließlich für die Dinge verwenden, die ihnen Spaß machen), heißt es, sie käme eher einer "120-Prozent-Regel" gleich. Anerkennung für Arbeitsleistung sei sehr ungleich verteilt: Software-Ingeneure sind die Götter, die Menschen, die den ganzen Laden finanzieren, müssten angeblich mit deutlich weniger Gegenliebe klarkommen. So würden viele von Googles hochtalentierten Mitarbeitern das Unternehmen sobald verlassen, wie die Aktienoptionen fällig werden (in der Regel nach drei Jahren), um beim nächsten, noch hipperen Start-up anzuheuern.

Neben diesen eher HR-bezogenen Problemen tun sich für Google aber noch weitere Baustellen auf: Die eingangs beschriebene Saubermann-Fassade beginnt, erste Risse zu bekommen. Nach mittlerweile über drei Jahren an der Börse (in dieser Zeit ist der Google-Aktienkurs von 85 auf momentan 515 $ gestiegen) ist deutlich geworden, dass Google, wie auch jedes andere Unternehmen, zumindest teilweise von den Erwartungen der Börse und den allmächtigen Analysten getrieben ist, jedes Quartal neue Wachstumspotentiale aufzuzeigen. Da wird dann schon mal im einen oder anderen Fall der höheren Proftabilität zuliebe das eine oder andere Auge zugedrückt, wenn man sich zwischen "do no evil" und Gewinn entscheiden muss.

Das China-Dilemma, vor dem viele westliche Internetkonzerne stehen, macht auch vor Google nicht halt: Kooperation mit den örtlichen Behörden und somit Mitarbeit an einem Überwachungssystem für den Zutritt auf einen gigantischen Wachstumsmarkt (schon jetzt leben in China nach den USA die meisten Internetnutzer), oder lieber ganz darauf verzichten? Geht das noch, wenn Analysten bei letzterem sofort Alarm schlagen würden? Durch die Aufteilung der Aktien in Class A- und Class B-Shares (letztere haben ein 10-mal höheres Stimmrecht und gehören mehrheitlich den beiden Gründern) ist zwar gesichert, dass keine fundamentale Entscheidung gegen die Gründer getätigt werden kann, trotzdem ergibt man sich mit einem Börsengang immer ein Stück weit den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalmarkts.

Dazu kommen noch viele weitere Problemfelder: Mittlerweile gilt Google nicht mehr nur ein paar Datenschützern als Dorn im Auge, auch immer größere Teile der Öffentlichkeit rümpfen die Nase über Googles dominante Stellung, vor allem auf dem Markt für Suchmaschinen. Die Parallele liegt nahe: Wird Google für Suchmaschinen das, was Microsoft für Betriebssysteme ist?

Und dann gibt es ja noch diese Sache mit der Zukunftsvision, in der Google alles beherrscht, was irgendwie mit Informationsverarbeitung zu tun hat. Davon sind wir - glücklicherweise - noch weit entfernt, aber es ist unverkennbar, dass Google dabei ist, sich auf sämtlichen Werbemärkten aufzustellen, von Paid Search über das AdSense-Programm über Videowerbung in Youtube-Filmchen, Banner- und Popup-Werbung (durch die DoubleClick-Übernahme), Werbung in Computerspielen, Werbung in Newsfeeds und Emails, bis hin zur Vermarktung von Offline Medien, wie Radio, TV und Zeitungen: Google ist überall aktiv. Und gewinnt überall an Marktanteilen.

Stellt sich nur die Frage, ob sich das die Öffentlichkeit, die Medien (sowohl politisch als auch finanziell: Ein Riesen-Google wäre ein sehr schwieriger Verhandlsungspartner, allein wegen der schieren Größe) und die Wettbewerbshüter auf Dauer gefallen lassen werden - bei dem DoubleClick-Kauf haben ja schon viele Alarm geschrien, auch wenn ironischerweise gerade Microsoft (mit MSN einer von Googles zwei Hauptkonkurrenten) dabei der lauteste Beschwerdeführer war.

Dazu hat sich Google, neben den bestehenden Problemen durch Google News und die Büchersuche, mit der Youtube-Übernahmen noch einiges an zukünftigen Rechtsstreitigkeiten aufgeladen. Ich denke, es ist unbestritten, dass Youtube einen großen Teil seines Erfolgs der Tatsache verdankt, dass man dort dutzende Ausschnitte seiner Lieblings-Fernsehsendungen angucken konnte - ohne dass diese von Youtube dafür Geld bekommen hätten. Youtube hat sich also auf dem Rücken der Inhalteproduzenten nach oben gebracht. Dafür wird nun wohl Google das eine oder andere mal zahlen. Immerhin macht man sich jetzt auch in Deutschland Gedanken darüber, wie man gegen Nazi-Videos auf Youtube "nachhaltig" vorgehen kann.

Ich denke, dass Google auch in Zukunft noch viel Platz für Wachstum ausfindig macht und auch nutzt. Allein die durch die zunehmende Konvergenz der Medien zu erwartenden Vorteile, die sich einem so komplett integrierten (sprich: in allen Medien vertretenen) Werbekonzern wie Google auftun, wird sich wahrscheinlich als hoch effektiv herausstellen. Gepaart mit Googles imensem Wissen über das Anlegen, Warten und Nutzbarmachen von Nutzerstatistiken wird sich dieser Effekt noch verstärken: In Zukunft kann Werbung in den digitalen Medien nahezu für jeden Nutzer individuell geschaltet werden, und ein Know-how über Nutzerstatistiken, wie es Google besitzt, ist dann Gold wert.

Nichtsdestotrotz wird Google mit detutlich mehr Problemen zu kämpfen haben, als der Suchmascheinen-Gigant das bisher je gewohnt war. Der Aktienkurs kann schlichtweg kaum noch so signifikant wie in letzter Zeit steigen. Und wenn erst mal die Geldmaschine anfängt zu quietschen, wird sich auch in der amerikanischen Öffentlichkeit die Einstellung zu Google ändern. Privacy-Bedenken mobilisieren nur eine kleine Minderheit - insbesondere im Zeitalter des Web 2.0, wo die Leute eh vieles von sich ganz freiwillig preisgeben. In der Shareholder-Value-interessierten amerikanischen Öffentlichkeit kann eine jahrelange Seitwärtsbewegung einer ehemaligen Lieblingsaktie dagegen schon ganz was anderes bewirken.