Ich bin ja unheimlich fasziniert von dem Unternehmen Google. Ich finde es beeindruckend, wie innerhalb von nicht einmal einem Jahrzehnt aus einem Startup ein internationales Unternehmen geworden ist, das an der Börse mehr wert ist, als GM, Ford, DaimlerChrysler und VW zusammen. Beeindruckend auch, wie Google innerhalb von nur wenigen Jahren zum beliebtesten Arbeitgeber bei amerikanischen Studenten geworden ist. Und nicht weniger beeindruckend, wie unaufhaltsam der Aufstieg von Google in nahezu allen Bereichen, in denen die Firma tätig ist, anhält. Von Quartal zu Quartal wird ein
Umsatz-, Gewinn- und
Nutzerzahlenrekord nach dem anderen aufgestellt und gleich im nächsten Quartal schon wieder übertroffen. Wie gesagt, beeindruckend.
Erstaunlich ist dabei auch, dass es Google gelungen ist, trotz dieses rasanten Wachstums und trotz der dominanten Stellung, die man auf dem Suchmaschinenmarkt hat, in der öffentlichen Wahrnehmung als sehr positiv dazustehen (allerdings mit Ausnahmen bei den Leuten, die sich etwas mehr als andere für Datenschutz interessieren - denen war und ist Google schon immer nicht ganz geheuer). Einen Teil dazu beigetragen hat mit Sicherheit Googles selbst ausgerufenes Firmenmotto: "Do no evil". Ein PR-Kenner würde sagen: Ein kluger, weil einprägsamer und - gegenüber etablierten Branchenvertretern (Microsoft & Co) deutlich alleinstellender Slogan.
Dass Google den Menschen im Alltag - ganz besonders den Studenten und Menschen in wissensintensiven Berufen - das Finden von Informationen enorm erleichtert hat, hat sicherlich auch einen großen Teil dazu beigetragen, dass ein Großteil der westlichen Bevölkerung Google mit großen Sympathien entgegenkommt. Welches andere Unternehmen kann sich schon rühmen, dass man mit seinem Namen im Duden steht ("googeln")?
Etwas zynischer klingt meiner Meinung dagegen schon der Ausspruch von Google-CEO Eric Schmidt, wenn er sagt, dass es
nicht Googles primäres Ziel sei, Geld zu verdienen. Man wolle vor allem
alle Informationen der Welt zugänglich machen. Das klingt zwar ganz nett und nach altruistischem Gutmenschentum, hat aber mit der Realität wohl nicht ganz so viel zu tun (zumindest in dieser Rangfolge der Unternehmensziele). Und man muss schon recht blauäugig sein, um ein solches Statement für bare Münze zu halten.
Trotzdem zeigt das ständige Wiederholen dieses von Google selbst ausgegenebenem obersten Unternehmsziel (die Informationen der Welt zugänglich zu machen) deutliche Wirkung. Bei so ziemlich jeder Präsentation eines neuen Google-Produkts schreien zunächst die auf, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen (Zeitungsverlage bei Google News, Buchverlage bei der Book Search). Die breite Öffentlichkeit, wie auch nach und nach ein Großteil der Medien, scheint aber doch Sympathien für das mit den neuen Produkten verbundene Unternehmensziel zu haben. So zumindest erkläre ich mir den geringen Widerstand, der sämtlichen Google-Produkten entgegengebracht wird. Der Erfahrungs- und Nutzenwert überwiegt dann doch alle Bedenken.
Bis jetzt kennt Google nur rasantes Wachstum. Viele Beobachter meinen aber, dass der Suchmaschinenbetreiber in naher Zukunft seine erste Krise überstehen muss, bzw. sich mit einem deutlich verlangsamten Wachstum abgeben muss. Diese Woche kündigte der Google-CFO
George Reyes zum Ende des Jahres seinen Rücktritt an. Er ist 53 Jahre alt, arbeitet seit 2002 bei Google und hat in dieser Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag verdient. Da kann man sich dann auch mal zur Ruhe setzen. Scheidet man aber mit Anfang 50 freiwillig aus einer Top-Position bei so einem Unternehmen einfach so aus? Oder ist das das erste Anzeichen für heraufziehenden Ärger im Silicon Valley?
In einer
großartigen Titelgeschichte beschreibt der Economist in seiner aktuellen Ausgabe, wo es überall hakt bei Google. Und, wenn man mal die "Do no evil"-Brille beiseite legt, erkennt man: Auch ein vermeintlich unverwundbares Unternehmen zeigt sich anfällig für Probleme. So berichten in dem Artikel mehrere Ex-Googler (Xoogler genannt), dass sich viele der tollen Mitarbeiterprivilegien als zwiespältig entpuppen: Gratismassagen-, essen und -sporteinrichtungen sind toll, allerdings wird dafür auch fast unbegrenzter (zeitlicher) Einsatz für die Firma verlangt. Von der viel gelobten 20-Prozent-Regel (Angestellte sollen 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ausschließlich für die Dinge verwenden, die ihnen Spaß machen), heißt es, sie käme eher einer "120-Prozent-Regel" gleich. Anerkennung für Arbeitsleistung sei sehr ungleich verteilt: Software-Ingeneure sind die Götter, die Menschen, die den ganzen Laden finanzieren, müssten angeblich mit deutlich weniger Gegenliebe klarkommen. So würden viele von Googles hochtalentierten Mitarbeitern das Unternehmen sobald verlassen, wie die Aktienoptionen fällig werden (in der Regel nach drei Jahren), um beim nächsten, noch hipperen Start-up anzuheuern.
Neben diesen eher HR-bezogenen Problemen tun sich für Google aber noch weitere Baustellen auf: Die eingangs beschriebene Saubermann-Fassade beginnt, erste Risse zu bekommen. Nach mittlerweile über drei Jahren an der Börse (in dieser Zeit ist der Google-Aktienkurs von 85 auf
momentan 515 $ gestiegen) ist deutlich geworden, dass Google, wie auch jedes andere Unternehmen, zumindest teilweise von den Erwartungen der Börse und den allmächtigen Analysten getrieben ist, jedes Quartal neue Wachstumspotentiale aufzuzeigen. Da wird dann schon mal im einen oder anderen Fall der höheren Proftabilität zuliebe das eine oder andere Auge zugedrückt, wenn man sich zwischen "do no evil" und Gewinn entscheiden muss.
Das China-Dilemma, vor dem viele westliche Internetkonzerne stehen,
macht auch vor Google nicht halt: Kooperation mit den örtlichen Behörden und somit Mitarbeit an einem Überwachungssystem für den Zutritt auf einen gigantischen Wachstumsmarkt (schon jetzt leben in China nach den USA die meisten Internetnutzer), oder lieber ganz darauf verzichten? Geht das noch, wenn Analysten bei letzterem sofort Alarm schlagen würden? Durch die Aufteilung der Aktien in Class A- und Class B-Shares (letztere haben ein 10-mal höheres Stimmrecht und gehören mehrheitlich den beiden Gründern) ist zwar gesichert, dass keine fundamentale Entscheidung gegen die Gründer getätigt werden kann, trotzdem ergibt man sich mit einem Börsengang immer ein Stück weit den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalmarkts.
Dazu kommen noch viele weitere Problemfelder: Mittlerweile gilt Google nicht mehr nur ein paar Datenschützern als Dorn im Auge, auch immer größere Teile der Öffentlichkeit rümpfen die Nase über Googles dominante Stellung, vor allem auf dem Markt für Suchmaschinen. Die Parallele liegt nahe: Wird Google für Suchmaschinen das, was Microsoft für Betriebssysteme ist?
Und dann gibt es ja noch diese Sache mit der
Zukunftsvision, in der Google alles beherrscht, was irgendwie mit Informationsverarbeitung zu tun hat. Davon sind wir - glücklicherweise - noch weit entfernt, aber es ist unverkennbar, dass Google dabei ist, sich auf sämtlichen Werbemärkten aufzustellen, von Paid Search über das AdSense-Programm über Videowerbung in Youtube-Filmchen, Banner- und Popup-Werbung (durch die DoubleClick-Übernahme), Werbung in Computerspielen, Werbung in Newsfeeds und Emails, bis hin zur Vermarktung von Offline Medien, wie Radio, TV und Zeitungen: Google ist überall aktiv. Und gewinnt überall an Marktanteilen.
Stellt sich nur die Frage, ob sich das die Öffentlichkeit, die Medien (sowohl politisch als auch finanziell: Ein Riesen-Google wäre ein sehr schwieriger Verhandlsungspartner, allein wegen der schieren Größe) und die Wettbewerbshüter auf Dauer gefallen lassen werden - bei dem DoubleClick-Kauf haben ja schon viele Alarm geschrien, auch wenn ironischerweise gerade Microsoft (mit MSN einer von Googles zwei Hauptkonkurrenten) dabei der
lauteste Beschwerdeführer war.
Dazu hat sich Google, neben den bestehenden Problemen durch Google News und die Büchersuche, mit der Youtube-Übernahmen noch einiges an zukünftigen Rechtsstreitigkeiten aufgeladen. Ich denke, es ist unbestritten, dass Youtube einen großen Teil seines Erfolgs der Tatsache verdankt, dass man dort dutzende Ausschnitte seiner Lieblings-Fernsehsendungen angucken konnte - ohne dass diese von Youtube dafür Geld bekommen hätten. Youtube hat sich also auf dem Rücken der Inhalteproduzenten nach oben gebracht. Dafür wird nun wohl Google das eine oder andere mal zahlen. Immerhin macht man sich jetzt auch in Deutschland Gedanken darüber, wie man
gegen Nazi-Videos auf Youtube "nachhaltig" vorgehen kann.
Ich denke, dass Google auch in Zukunft noch viel Platz für Wachstum ausfindig macht und auch nutzt. Allein die durch die zunehmende Konvergenz der Medien zu erwartenden Vorteile, die sich einem so komplett integrierten (sprich: in allen Medien vertretenen) Werbekonzern wie Google auftun, wird sich wahrscheinlich als hoch effektiv herausstellen. Gepaart mit Googles imensem Wissen über das Anlegen, Warten und Nutzbarmachen von Nutzerstatistiken wird sich dieser Effekt noch verstärken: In Zukunft kann Werbung in den digitalen Medien nahezu für jeden Nutzer individuell geschaltet werden, und ein Know-how über Nutzerstatistiken, wie es Google besitzt, ist dann Gold wert.
Nichtsdestotrotz wird Google mit detutlich mehr Problemen zu kämpfen haben, als der Suchmascheinen-Gigant das bisher je gewohnt war. Der Aktienkurs kann schlichtweg kaum noch so signifikant wie in letzter Zeit steigen. Und wenn erst mal die Geldmaschine anfängt zu quietschen, wird sich auch in der amerikanischen Öffentlichkeit die Einstellung zu Google ändern. Privacy-Bedenken mobilisieren nur eine kleine Minderheit - insbesondere im Zeitalter des Web 2.0, wo die Leute eh vieles von sich ganz freiwillig preisgeben. In der Shareholder-Value-interessierten amerikanischen Öffentlichkeit kann eine jahrelange Seitwärtsbewegung einer ehemaligen Lieblingsaktie dagegen schon ganz was anderes bewirken.