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Sonntag, 25. Mai 2008

Was die Kommunikationswissenschaft leisten könnte - aber noch lange nicht tut

Die Wissenschaft hat viele Namen: Publizistik, Kommunikationswissenschaft, manchmal auch Medienwissenschaft. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich die Medien als Untersuchungsobjekt ausgewählt haben. In Zeiten, in denen viele Experten von einer „mediatisierten“ Gesellschaft sprechen, einer Gesellschaft, in dem Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zunehmend nach den Gesetzen der Medien ticken bzw. sogar nur wegen den Medien existieren, ist einer kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Medien und eine Analyse derer, die sie machen und bestimmen, zwingend geboten.

Kommunikationswissenschaftliche Studiengänge erfreuen sich großem Zulauf an den Universitäten. Schließlich ist der Wunsch vieler Abiturienten nach wie vor ungebrochen, später mal „was mit Medien“ zu machen. Und wo sich viele Studenten einschreiben, werden auch – ja, auch so etwas gibt es noch – neue Professuren geschaffen.

Zwischen dem, was sich Erstsemester von ihrem Kommunikationswissenschafts-Studium erhoffen und dem, was die Universitäten anbieten, liegt allerdings eine riesige Lücke. Das zu bemängeln, wäre müßig, denn normalerweise sollten sich angehende Studenten eingehend darüber informieren, was ihnen ihr zukünftiges Studium genau bietet. Die Universität muss hier nicht auf die (realitätsfernen) Vorstellungen der Studenten eingehen. Wer etwas „mit Praxis“ lernen will, kann eine Ausbildung machen oder an eine FH gehen.

Universitäten sollen ein theoretisches Wissen und, wie im Fall der Publizistik- oder Kommunikationswissenschaft, einen sicheren Umgang mit den Methoden der empirischen Sozialforschung ermöglichen. Und diese Wissenschaft an sich soll darüber hinaus im Idealfall auch als kritischer Beobachter der Medien und ihrer Wirkungen auf oben genannte Bereiche der Gesellschaft fungieren. Aber genau hier liegt das eigentliche Problem der Kommunikationswissenschaft.

Denn sie ist eine Wissenschaft, die leider zur Geschwätzigkeit neigt. Nimmt man sich eines der vielen Fachjournale zur Hand, findet man darin grundsätzlich einen Artikel, von dem man weder weiß, was genau der Autor / die Autorin nun genau damit sagen möchte. Dazu kommt, dass man sich nicht selten fragen muss, was genau denn nun so wichtig an Fragen ist, wie etwa „parasoziale Verbindungen zwischen Zuschauern und Soap-Charakteren“. Auch werden wahrscheinlich nur ein paar Promille der Gesamtbevölkerung verstehen, was sich hinter „Instrumenteller Aktualisierung“ verbirgt. Und wer es versteht, wird sich ganz ernsthaft fragen, wo genau der gesellschaftliche Gewinn anhand der Erkenntnis dieses „Phänomens“ liegt.

Kurzum: Die Kommunikationswissenschaft arbeitet leider extrem kurzsichtig. Oftmals hat sie wirklich potentiell hoch interessante, und auch für die gesamte Gesellschaft sehr bedeutende, Themen direkt vor sich liegen. Doch anstatt dass man sich an den Lehrstühlen den wirklich relevanten Themen annimmt, werden diese anderen Fachbereichen freiwillig überlassen.

Beispiel 1: Bei der geplanten Übernahme von ProSieben-Sat.1 durch Axel Springer waren es vor allem Juristen, die die Probleme für eine pluralistische Meinungsbildung durch diese Fusion aufzeigten. Hat aber die Kommunikationswissenschaft nicht ein deutlich schärferes Instrumentarium zur Hand, um der Öffentlichkeit die bei dieser Fusion drohenden Konsequenzen für die Meinungsfreiheit aufzuzeigen? Leider wurden diese überhaupt nicht genutzt, stattdessen waren es einmal mehr nur die Juristen, deren Meinung in der Öffentlichkeit gefragt war.

Beispiel 2: Mit dem Aufkommen des Internet bahnen sich massive Veränderungen in der Medienlandschaft und dem Mediennutzungsverhalten des einzelnen Menschen an. Das Internet birgt sowohl ein enormes Potential für die Demokratisierung und Aufklärung breiter Bevölkerungsschichten. Die komplette Medienwirtschaft wird vom Internet durcheinander gewirbelt. Gleichzeitig zeigen sich Gefahren für den Zusammenhalt von Gesellschaften und Gruppen auf. Besetzt die Kommunikationswissenschaft dieses Thema, obwohl es zu ihrem ureigenstem Arbeitsgebiet (Medien -> Medienwirkungen -> Gesellschaft) gehört? Nein, das Rampenlicht wird abermals Juristen und Soziologen überlassen.

Dazu kommt, dass die Kommunikationswissenschaft regelmäßig zu kurz greift. Während Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie oder Psychologie über ein nahezu unbegrenztes Erkenntnisfeld verfügen, muss sich die Kommunikationswissenschaft (momentan) immer nur auf das kleine Feld „Medien“ beschränken. So werden gerade auch bei wirklich interessanten Forschungsansätzen oft kurz vor der wirklich spannenden Erkenntnis Halt gemacht, da das dann nicht mehr zum Erkenntnisgebiet dieser Wissenschaft gehört. Die Lorbeeren ernten dann andere Wissenschaften.

Die Moral von der Geschichte: Die Kommunikationswissenschaft hat enormes Potenzial, das aber kaum genutzt wird. Damit sie aus ihrem traurigen und unbedeutenden Nischendasein heraus kommt, müssen sich zwei Dinge ändern:

  1. Es müssen neue Wissenschaftler her, die sich nicht mehr so derart sklavisch und weltfremd der Entwicklung und Anwendung von sozialwissenschaftliche Methoden verschreiben. Es gibt, wie oben beschrieben, so viele Forschungsfelder, die noch komplett unbesetzt sind, auch weil viele altgediente C4-Professoren die neuesten Entwicklungen kaum noch begreifen, bzw. begreifen können.
  2. Die Kommunikationswissenschaft muss sich in vielen Fällen von ihrer Zwangsjacke befreien, die es ihr verbietet, interessante Felder zu bearbeiten, nur weil das mit dem bestehenden, strengen Methodenkorsett nicht möglich ist.

Nur so ließe sich die gesellschaftliche Bedeutung der Kommunikationswissenschaft erreichen, die sie eigentlich in unserer Mediengesellschaft verdient. Es wäre ein langer und harter Weg. Aber es ist möglich.

Sonntag, 30. März 2008

Capital gegen Kapitalisten

Wow, und so etwas aus einer Zeitschrift wie Capital: Ein Editorial zur verlorenen Bodenhaftund deutscher Führungskräfte. Und das nicht mal so kriecherisch, wie man es von einem Turbo-Kapitalismus-Organ erwarten würde. Im Gegenteil, der Capital-Chefredakteur teilt ordentlich aus:

"Für den Aufstieg in den engsten Kreis der Top-Manager zählt nicht Herkunft oder Qualifikation, sondern einzig und allein die Bereitschaft, seine Seele an den Arbeitgeber zu verkaufen."

"Allein der zeitliche Einsatz, der von aufstrebenden Führungskräften in den ersten Berufsjahren eingefordert wird, lässt eine ernsthafte Beziehung zu Menschen außerhalb der Firma, sei es Familie oder Freunde, nicht mehr zu, geschweige denn ein Engagement in Nachbarschaft oder Verein. Konsequenz: Unsere künftige Führungselite, noch nicht 30 Jahre alt, hat bereits jede Bodenhaftung verloren, weil sie am wirklichen Leben der Menschen nicht mehr teilhat, nicht mehr teilhaben kann."

"Es mag verstörend klingen, aber warum sollte der Chef eines Dax-Konzerns nicht verpflichtet werden, mehrere Tage im Jahr im Krankenhaus die Bettpfannen auszuleeren, in der Suppenküche für Obdachlose zu helfen oder einsame Menschen zu besuchen? Unsere Top-Manager würden sich dort an etwas erinnern, das den meisten wohl verloren gegangen ist: Demut."

Konsequenz: Scheinbar haben manche Wirtschaftsjournalisten noch nicht vergessen, dass sie nicht dazu da sind, die gesellschaftspolitische Agenda der Unternehmensführer zu übernehmen, sondern diese kritisch zu hinterfragen. Wäre schön, wenn man ähnlich Artikel auch mal hier, hier, hier oder hier lesen könnte.

Montag, 7. Januar 2008

Wikia und der Wille zur Macht

Alle reden von wikia, der Suchmaschine entwickelt unter Leitung von wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Es stimmt, dass damit ein komplett neuer Ansatz entsteht, der Markt für Suchmaschinen (und den dazugehörigen gigantischen Werbemarkt) ordentlich aufmischen könnte, wenn dir Technologie irgendwann zufrieden stellende Ergebnisse liefert. Es ist auch toll, dass wikias Code für jedermann einsehbar und verbesserbar ist.

Das Problem allerdings ist, dass bei wikia nicht ein sehr ausgetüftelter Algorithmus allein dafür verantwortlich ist, welche Seite wo auftaucht, sondern auch die Meinung der Nutzer. Das wikipedia-Prinzip auf die Internet-Suche anzuwenden, ist auf jeden Fall aller Ehren Wert, vor allem, wenn der Markteintratt durch drei extrem finanzstarke Unternehmen nahezu allen Konkurrenten verwehrt wird.

Eins der bekanntesten von Friedrich Nietzsche geprägten Begriffe ist der "Wille zur Macht": Nicht das wirklich Wahre und Richtige setzt sich demnach in unserer Welt durch, sondern das, was von seinen Anhängern am energischsten vertreten wird und wer es schafft, seine Meinung als Wahrheit anzuerkennen. Das muss dann nicht unbedingt die "echte" Wahrheit sein. Da muss man nur mal den hier fragen.

Hier liegt meiner Ansicht nach die Gefahr von wikias Prinzip: Gibt es da womöglich die Gefahr, dass nicht die Informationen oben stehen sollten, weil sie am relevantesten sind, sondern die, die am energischsten vertreten werden? Schaut man sich wikipedia an, könnte man eigentlich beruhigt sein: Selbst Artikel, die sich mit politischen Themen (z.B. der hier) bzw. Themen, zu denen es sehr gespaltene Meinungen gibt (etwa dieser), sind insgesamt sehr balanciert formuliert. Von den negativen Auswirkungen der Weisheit der Vielen kaum eine Spur.

Doch wie wird sich das System bei einer Suchmaschine bewähren? Ist Manipulation dort eventuell einfacher? Die oben genannten Gefahren sind meiner Meinung bei der Suchmaschine deutlich realistischer als bei wikipedia. Aber vielleicht kriegt die wiki-Mannschaft ja auch das in den Griff.

Interessant ist an wikia auf jeden Fall auch, dass es ein kommerzielles Projekt ist. Die Seite soll sich mithilfe von Werbung finanzieren. Jimmy Wales will damit Geld gewinnen. Allerdings sind seine Ziele erst mal bescheiden: 5 Prozent Marktanteil hat er sich vorgenommen. Es wäre sehr interessant zu beobachten, wie Google auf wikia reagiert, sollte sich die Mitmach-Suchmaschine zu einer echten Konkurrenz entwickeln. Auch ist interessant, wie wikia alle Programmierer und anderer Teilnehmer an seinem Konzept bezahlen will. Schließlich leisten sie einen signifikanten Beitrag zur Verbesserung der Seite.

Bleibt noch die Frage, weshalb sich Jimmy Wales ausgerechnet die Suche als Feld ausgesucht hat, das er nach der Kollektivierung des Wissens als nächstes umkrempeln will. Wahrscheinlich liegt es auf der Hand: Er hat mit wikipedia zwar eine der populärsten und revolutionärsten Seiten in der Geschichte des Internets geschaffen, hat daran aber vermutlich keinen Cent verdient (dafür aber weltweit sehr viel Respekt und Anerkennung. Aber das zählt in unserer Welt ja leider nicht so viel). Vielleicht hofft er, dass sich mit wikia aus dem Mitmach-Prinzip nun auch endlich Kapital schlagen lässt.

Donnerstag, 22. November 2007

Meinungspluralismus im Internet: Eine Gefahr für die Gesellschaft?

Wer sich mit dem Thema "Internet und Demokratie" beschäftigen will, kommt momentan an einem Buch nicht vorbei: Republic.com 2.0 von Cass Sunstein. Sunstein ist Jura-Professor an der University of Chicago und hat bereits mit dem Vorgänger dieses Buches, Republic.com, für einigen Aufruhr unter Internet-Enthusiasten gesorgt.

Seine Kernthese: Das Internet bietet erstmals in der Geschichte der Gesellschaft die Möglichkeit, dass die Bürger nur noch ausschließlich das lesen und hören, was sie selbst wollen. Online-Ausgaben von Tageszeitungen bieten Individualiserungsfunktionen, Suchmaschinen bieten den Nutzern die Möglichkeit, sich seine Informationen selbst zusammenzustellen.

Die Konsequenz dieser Tendenz zur "Daily Me" laut Sunstein: Nutzer begeben sich in "Echo-Kammern", wo sie nur ihre Meinung in tausendfacher Verstärkung wahrnehmen. Die Berührung mit Themen, die den Einzelnen vielleicht nicht interessieren, deren Bekanntheit aber von gesellschaftlicher Bedeutung ist, findet nicht mehr statt.

Dass sei das, behauptet Sunstein, was früher "Parks und Bürgersteige" sicherstellten, später die millionenfach geguckten Abendnachrichten. Was aber, wenn sich künftig jeder selbst bestimmen kann, mit welchen Nachrichten er konfrontiert wird? Das Problem daran wäre, dass das die Grundlage von Polarisierung und Extremisierung bildet.

Sunstein ist zwar Rechtswissenschaftler, bearbeitet mit diesem Thema aber ein Thema, das eigentlich Kommunikationswissenschaftler anziehen sollte. Tut es aber leider nicht. Das wäre aber hilfreich gewesen, denn teilweise könnte man das, was Sunstein auf 50 Seiten schreibt, auch auf 5 Seiten zusammenfassen, wenn man Kenntniss von den entsprechenden (sozialpsychologischen) Theorien hätte. Wie z.B. den Ursachen für selektive Mediennutzung.

Trotzdem trifft er einen entscheidenden Punkt: Wer nur mit seinesgleichen kommuniziert und nur immer wieder mit seinen eigenen Ansichten konfrontiert wird, wird in Bezug auf diese Meinung zu einer immer extremeren Position tendieren. Sunstein nennt das "Group Polarization". Die vorhandene Meinung wird somit immer weiter verstärkt. Das geht noch weiter: Konservative verlinken nur zu Konservativen, radikale Datenschützer nur zu radikalen Datenschützern, Umweltschützer nur zu Umweltschützern. So bleiben alle unter sich. Ist das aber schlimm für die Demokratie?

Ja, denn dadurch geht teilweise das verloren, was man in den USA "social glue" nennt. Also die Kenntniss und Teilnahme an identitätsstiftenden und verbindenden Ereignissen und Debatten. Diese hätten einen in der Vor-Internet-Zeit früher oder später in den Parks und Bürgersteigen, oder halt in den Abendnachrichten, mitgekriegt. Nun aber kann man das komplett vermeiden. Und darin liegt das Problem.

Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass "democracy is the first casualty of political discourse in the digital age."" Nach wie vor gibt es, auch im Internet, Aggregatoren, die massenweise Menschen anziehen und eine weite Palette an Meinungen und Themen bieten. Nicht umsonst sind die Seiten der großen amerikanischen Tageszeitungen, wie New York Times (liberal) und Wall Street Journal (konservativ) auch im Internet einige der meistgenutzten Angebote.

Die Frage, die Sunstein angesichts der Gefahren für die Demokratie durch das Internet zu erkennen glaubt, ist: Sollte der Staat hier regulierend eingreifen? Im Fernsehen gibt es (in den USA nur marginalisiert, bei uns sehr bedeutend) den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der, laut der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, die Meinungsfreiheit sicherstellt. Sollte es auch im Internet so etwas wie "Must-Carry" Angebote geben, also Inhalte, die alle Seiten anbieten müssen, um den Kontakt der Nutzer mit diesen wichtigen Themen sicherzustellen? Das zumindest ist ein Vorschlag von Sunstein, den er allerdings gleich selbst wieder verwirft. Trotzdem bleibt die Gefahr, dass die Demokratie durch die Fragmentierung der Kommunikation zumindest bedroht werden könnte.

Wie realistisch ist diese Befürchtung? Birgt das Internet, nicht das Potenzial, dass sich dank der Weisheit der Massen immer das Richtige durchsetzt? Nein, sagen einige: Das Internet bietet damit nicht das Potenzial, dass sich Richtigkeit immer durchsetzt, sondern sich die Wahrheit durchsetzt, die am vehementesten vertreten wird. Jaron Lanier hat dafür den wunderbaren Begriff Digitaler Maoismus geprägt. Also doch nicht alles so positiv, was das Internet bietet?

Ist das Internet nun eine Gefahr oder wirklich eine ungemeine Unterstützung für die Demokratie(sierung)? Wahrscheinlich beides. Sunstein und Lanier zeigen auf sehr anschauliche Weise, wo die Gefahren liegen. Blogs aus Krisengebieten, Unterstützung für Dissidenten, eine Vereinfachung der politischen Partizipation und Willensbildung und noch vieles, vieles mehr sind dagegen die positiven Aspekte des Internets.

Regulierung macht daher weder Sinn, noch ist ist sie annäherungsweise durchführbar. Trotzdem könnte gerade Sunstein mit seinen Thesen vielen Leuten die Augen öffnen und Bewusstsein für die Probleme erzeugen, die mit der Verbreitung des Internets einhergehen. Vor allem, dass eine massenweise Verbreitung des Internets nicht zu einer Verbreierung von Meinungen, sondern zu einem isolierten parallelen Existieren von Partikularmeinungen führen kann, mit allen negativen Implikationen für Meinungs- und Redefreiheit, politische Aufgeklärtheit und Teilnahme, für den sozialen Zusammenhalt.

Mittwoch, 7. November 2007

Vermarkte dich selbst... mit Facebook

Eine interessante neue Idee, wie man mit Social Networks Geld verdienen kann: Facebook-Nutzer können ab sofort sich selbst als Werbeträger versuchen. Und das geht so: Wer sich ein Buch bei Amazon bestellt, kann das alle seine Freunde wissen lassen (warum auch immer man das tun sollte...). Diese bekommen dann automatisch eine Display-Anzeige von Amazon auf ihrer Seite nebst dem Hinweis, dass Freund XY soeben bei Amazon gekauft hat.

Man kann bei Facebook auch "Unternehmens-Fanruppen" beitreten. Wer seine Einstimmung dazu gibt, erscheint dann auf den Seiten seiner Freunde mit seinem Foto neben den Display-Werbungen von, zum Beispiel, Apple. Die Idee hinter der Sache: Werbung bzw. Produktempfehlungen haben eine viel bessere Wirkung, wenn Sie von einer als sehr vertraulichen Quelle erhalten werden. Und wem vertraut man mehr als den Empfehlungen seiner Freunde? Das meint auch Mark Zuckerberg: “Nothing influences a person more than a recommendation from a trusted friend".

Facebook verbindet damit gleich zwei Eigenschaften, die Werbung im Internet (und besonders in Social Networks) attraktiv machen: Individualisierte bzw. auf jeden Nutzer zugeschnittene Werbung plus persönliche Empfehlungen. Die Werbe-Dollar scheinen schon zu winken.

Lustigerweise winken Sie aber nur für das Unternehmen Facebook. Die Nutzer sehen für ihre Werbedienste keinen Cent. Das ist schon erstaunlich. Für mich ist das ein Zeichen, wie sehr sich (junge) Menschen mittlerweile schon mit Marken und Unternehmen identifizieren.

Hatte Facebook bis jetzt arge Probleme, ordentliche Umsätze vorzuweisen (bei 49 Millionen Mitgliedern gerade einmal geschätzte 100 Millionen Dollar). Trotzdem wurde das Unternehmen ja von Microsoft erst kürzlich mit sage und schreibe 15 Milliarden Dollar bewertet. Damit Facebook dieser Bewertung halbwegs gerecht wird, müssen schnellstens Umsatzbringer her.

Dabei sollte diese neue Werbeform Facebook jetzt einen kräftigen Schub geben. Stellt sich nur noch die Frage, inwieweit diese Werbeform (die man anscheinend nicht blockieren kann, in Zeiten von Ad BLock und Co sehr, sehr wichtig) bei den Nutzern akzeptiert wird. Dazu meint Mark Zuckerberg: "When asked about people who might not like ads, Mr. Zuckerberg shrugged and said, “I mean, it’s an ad-supported business.”" Sprich: Wer sowieso schon an Werbung und Targeting gewöhnt ist, den juckt so eine neue Werbeform auch nicht mehr viel.


Montag, 24. September 2007

Targeting beim Telefonieren

Dass ich als Internetnutzer damit rechnen muss, dass Anbieter meine Nutzungsdaten auswerten, um mir passgenaue Werbung anzuzeigen, ist nicht neu. Dass es jetzt ein Unternehmen gibt, das dieses Modell auch auf Internet-Telefonie übertragen will, schon. Pudding Media heißt dieses Startup, über das die NYT heute berichtet:

"Pudding Media is eavesdropping on phone calls in order to display ads on the screen that are related to the conversation. Voice recognition software monitors the calls, selects ads based on what it hears and pushes the ads to the subscriber’s computer screen while he or she is still talking.

A conversation about movies, for example, will elicit movie reviews and ads for new films that the caller will see during the conversation. Pudding Media is working on a way to e-mail the ads and other content to the person on the other end of the call, or to show it on that person’s cellphone screen."

Die Werbung wird dann während des Telefonierens im Browser angezeigt. Und das sieht dann etwa so aus:



"Mr. Maislos (der Gründer) said he thought that young people, the group his company is focusing on with the call service, are less concerned with maintaining privacy than older people are."

Ein Schelm, wer Böses denkt. Mit anderen Worten: Wenn es der jungen Generation ohnehin Schnuppe ist, ob ihnen jemand dabei zuhört, wie sie sich z.B. über den letzten Arztbesuch unterhalten, kann man daraus ja gleich noch ein Geschäftsmodell machen und dank dieser Sorglosigkeit ganz viel Geld mit der Offenheit junger Menschen verdienen. Was Google bei E-Mails macht, das will Pudding auch mit VoIP schaffen. Denn, O-Ton Gründer Maislos:

"“The trade-off of getting personalized content versus privacy is a concept that is accepted in the world,” he said."

Das mag vielleicht schon für Suchanfragen gelten. Aber ob sich wirklich Menschen finden, die für einen Gratis-Telefondienst einen derart tiefen Einblick in ihre Privatspäre zulassen? Ich glaube schon. Zum einen, weil vielen Menschen ihre Privatspäre (im Tausch gegen Gratis-Dienste) wirklich zunehmend unwichtiger wird (wer sein ganzes Leben ohnehin schon bei MySpace und CO. ausbreitet, schreckt auch vor so einem Telefondienst nicht mehr zurück).

Und zum anderen, weil ein ähnliches Startup aus dem Silicon Valley bereits sehr positive Erfahrungen mit einer ähnlichen Schnüffel-Geschäftsidee gemacht hat:

"Integrated Media, also known as IMMI, (...) recruits teenagers as well as adults up to age 54 to carry a special cellphone at all times for two years. (In exchange, it pays all their cellphone costs.) The phone captures 10 seconds of audio from its surroundings every 30 seconds. Those samples are compressed into small digital files, called fingerprints, and uploaded to the company’s servers in California. There, the files are compared with samples of the media being measured, using a technology called acoustic matching.

Thus, IMMI can measure the number of participants who have heard an advertisement not only on television and radio, but also on digital video recorders, game players, cellphones, DVDs and CDs. The technology also works at films, concerts or sporting events.
"

Werbeerfolgsmessung mal ganz anders: Freiwillige Testpersonen tragen ein Handy mit sich herum, das den Werbungtreibenden verrät, welche Filme und Fernsehsendungen sie gucken. Nach so einer Technologie lecken sich natürlich sämtliche Medienfirmen die Finger. Einzige Frage: Machen da Leute wirklich freiwillig mit? Allerdings, und wie:

"IMMI has signed up 3,000 participants in urban and suburban centers, and hopes to recruit an additional 2,000 in more scattered regions. But it will require more to compete with Nielsen’s endlessly replenished volunteer army."

Schon 3.000 Freiwillige, die einer Firma preis geben, wann und wo sie sind und was sie da so machen.

Freitag, 21. September 2007

Wie das Internet die Demokratie gefährden kann

Das Internet kann viel für die Demokratie tun. Es kann auch helfen, Meinungsfreiheit in Gesellschaften herzustellen, die unter repressiven Regimen leiden. Nicht umsonst hat Iran eine der hächsten Blogger / Einwohner-Verhältnisse.

Das Internet kann der Demokratie aber auch gefährlich werden. Zum Teil, weil dort Extremisten ihre Propaganda vmunter erbreiten und damit ein zunehmend großes Publikum erreichen. Das gilt für Neonazis wie für Islamisten. Auch dass immer mehr Regierungs-, Sicherheits- und Militärfunktionen über Rechner und mithin auch das Internet gesteuert werden, setzt eine funktionierende Demokratie zunehmenden Risiken aus - siehe "Trojaner im Kanzleramt" und Hackerangriffe aus Russland.

Aber da gibt es noch etwas. Sollten sich erstmal sämtliche analogen Medien weitest gehend verabschiedet haben - das wird aller Voraussicht nach schon in ein paar Jahrzehnten der Fall sein - laufen sämtliche Nachrichtenströme ausschließlich über das Internet. Professionelle Journalisten stehen im Wettbewerb mit Amatuer-Journalisten, die ihr Angebot nur ein paar Klicks entfernt anpreisen. Die Gefahr an dem ganzen: Es gibt keine Plattformen mehr, auf der Debatten ausgetragen werden, die die ganze Gesellschaft betreffen, von denen jeder etwas mitkriegt und die einen großen Teil des "kollektiven Gedächtnisses" einer Gesellschaft ausmachen.

Historikerdebatten sind hierfür ein gutes Beispiel. Debatten bspw. über die deutsche Vergangenheitsbewältigung sind wichtig - ich meine lebenswichtig - für das Zusammenleben, die Modernisierung und die "Standortbestimmung" einer Gesellschaft. Überregionale Zeitungen und Zeitschriften und der ÖR Rundfunk stellen momentan sicher, dass über kurz oder lang nahezu jeder Bürger mit diesen Themen in Berührung kommt und sich optimalerweise eine Meinung darüber bildet.

Zumindest am öffentlich rechtlichen Rundfunk werden wir uns nach dem "Rundfunkurteil" letzter Woche noch auf absehbare Zeit erfreuen können. Der federführende Richter des Urteils, Medienrechtler Wolfgang Hoffmann-Riehm, wurde für die Rückwärtsgewandtheit seines Urtiles gescholten, ich meine: zu Unrecht. Vor allem der Satz, der öffentlich rechtliche Rundfunk wäre die einzige Garantie für das Fortbestehen der Meinungsfreiheit und -bildung in Deutschland, wurde von vielen Kommentatoren ins Lächerliche gezogen. Ich denke, da steckt - angesichts den Entwicklungen in der Medienwirtschaft und -nutzung - mehr Wahrheit drin, als man zunächst denken mag. Und zwar aus den von mir oben ausgeführten Gründen.

Dasselbe Thema macht auch in den USA die Runde. Vor allem das Internet bewirke, dass sich Gesellschaften immer mehr in Teilpublika auflösten, eine gemeinsame Öffentlichkeit sei immer schwerer herzustellen. In der Kommunikationswissenschaft fällt das unter das Thema "Digital Divide. Der Economist hat in seiner aktuellen Ausgabe eine Buchbesprechung mit einem führenden Theoretiker zu diesem Thema. Zitat:

"One worrier is Cass Sunstein, a law professor at the University of Chicago. In “Republic.com 2.0” he points to the danger of niches becoming “echo chambers” in which only the views of like-minded people are heard, thanks to the internet making it easy for people to filter information into a personalised selection, “the Daily Me”. A healthy democracy, he argues, depends on exposure to diverse or unexpected opinions. If Americans wall themselves off from topics and opinions they prefer to avoid, narrowing their horizons, their democracy will suffer."

Zwar eine amerikanische Perspektive (ich denke, Deutschland ist dank des ÖR Rundfunks noch ein bisschen besser abgesichert), aber trotzdem trifft das meine Meinung ziemlich genau auf den Punkt. Bleibt nur die Frage: Wie geht man mit diesen Herausforderungen um?