Montag, 7. Januar 2008

Wikia und der Wille zur Macht

Alle reden von wikia, der Suchmaschine entwickelt unter Leitung von wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Es stimmt, dass damit ein komplett neuer Ansatz entsteht, der Markt für Suchmaschinen (und den dazugehörigen gigantischen Werbemarkt) ordentlich aufmischen könnte, wenn dir Technologie irgendwann zufrieden stellende Ergebnisse liefert. Es ist auch toll, dass wikias Code für jedermann einsehbar und verbesserbar ist.

Das Problem allerdings ist, dass bei wikia nicht ein sehr ausgetüftelter Algorithmus allein dafür verantwortlich ist, welche Seite wo auftaucht, sondern auch die Meinung der Nutzer. Das wikipedia-Prinzip auf die Internet-Suche anzuwenden, ist auf jeden Fall aller Ehren Wert, vor allem, wenn der Markteintratt durch drei extrem finanzstarke Unternehmen nahezu allen Konkurrenten verwehrt wird.

Eins der bekanntesten von Friedrich Nietzsche geprägten Begriffe ist der "Wille zur Macht": Nicht das wirklich Wahre und Richtige setzt sich demnach in unserer Welt durch, sondern das, was von seinen Anhängern am energischsten vertreten wird und wer es schafft, seine Meinung als Wahrheit anzuerkennen. Das muss dann nicht unbedingt die "echte" Wahrheit sein. Da muss man nur mal den hier fragen.

Hier liegt meiner Ansicht nach die Gefahr von wikias Prinzip: Gibt es da womöglich die Gefahr, dass nicht die Informationen oben stehen sollten, weil sie am relevantesten sind, sondern die, die am energischsten vertreten werden? Schaut man sich wikipedia an, könnte man eigentlich beruhigt sein: Selbst Artikel, die sich mit politischen Themen (z.B. der hier) bzw. Themen, zu denen es sehr gespaltene Meinungen gibt (etwa dieser), sind insgesamt sehr balanciert formuliert. Von den negativen Auswirkungen der Weisheit der Vielen kaum eine Spur.

Doch wie wird sich das System bei einer Suchmaschine bewähren? Ist Manipulation dort eventuell einfacher? Die oben genannten Gefahren sind meiner Meinung bei der Suchmaschine deutlich realistischer als bei wikipedia. Aber vielleicht kriegt die wiki-Mannschaft ja auch das in den Griff.

Interessant ist an wikia auf jeden Fall auch, dass es ein kommerzielles Projekt ist. Die Seite soll sich mithilfe von Werbung finanzieren. Jimmy Wales will damit Geld gewinnen. Allerdings sind seine Ziele erst mal bescheiden: 5 Prozent Marktanteil hat er sich vorgenommen. Es wäre sehr interessant zu beobachten, wie Google auf wikia reagiert, sollte sich die Mitmach-Suchmaschine zu einer echten Konkurrenz entwickeln. Auch ist interessant, wie wikia alle Programmierer und anderer Teilnehmer an seinem Konzept bezahlen will. Schließlich leisten sie einen signifikanten Beitrag zur Verbesserung der Seite.

Bleibt noch die Frage, weshalb sich Jimmy Wales ausgerechnet die Suche als Feld ausgesucht hat, das er nach der Kollektivierung des Wissens als nächstes umkrempeln will. Wahrscheinlich liegt es auf der Hand: Er hat mit wikipedia zwar eine der populärsten und revolutionärsten Seiten in der Geschichte des Internets geschaffen, hat daran aber vermutlich keinen Cent verdient (dafür aber weltweit sehr viel Respekt und Anerkennung. Aber das zählt in unserer Welt ja leider nicht so viel). Vielleicht hofft er, dass sich mit wikia aus dem Mitmach-Prinzip nun auch endlich Kapital schlagen lässt.