Montag, 1. Oktober 2007

Die Zukunft des Fernsehens ist da...

...in Form von Joost. Gab es bisher nur als Beta-Test, ist aber ab heute frei für jeden zugänglich. Also auch für mich. Verglichen mit anderen IPTV-Programmen, wie z.B. Zattoo, Sopcast oder TVU steht schon nach ein paar Minuten fest: Joost ist die Nummer 1. Mit Abstand. Und zwar aus mehreren Gründen:

  • Riesige Programmauswahl. Während man bei Zattoo (zumindest in Deutschland) aus nur gerade einmal 21 Programmen wählen kann (Neben Comedy Central, MTV, DSF und Giga z.B. Tier TV, oder sumo.tv, aber immerhin: Al Jazeera English), ist das Angebot bei Joost zunächst fast unüberschaubar groß. Es werden auch überwiegend keine "herkömmlichen" Sender angeboten, deren Angebot einfach 1:1 per Stream eingestellt wird, sondern alles ist on demand abrufbar. Joost steht daher eher nicht in Konkurrenz zu den Standard-P2p-TV-Anbietern, sondern eher zu Videoportalen wie YouTube, MyVideo und Co. Und die Auswahl ist groß, sehr groß:


Über das Menu links kommt man zu einer Auswahl der Channels nach Genre sortiert, im großen Menu in der Mitte kann man aus den unzähligen Angeboten eines entsprechenden Genres auswählen.
  • Benutzerführung und "User Experience": Der allergrößte Pluspunkt von Joost. Wunderbar einfache Menüs, übersichtliche Benutzerführung und eine Menge Möglichkeiten, sich sein eigenen Channels zusammenzustellen. Also ganz wie bei Youtube. Nur viel schöner. Schaut man sich z.B. gerade eine Sendung an, genügt eine Bewegung mit der Maus, und an den vier Bildschirmkanten öffnen sich Shortcuts zu den einzigen Menus, die man braucht:


Oben gelangt man zum Menu des Channels (hier ein Kurzfilm-Kanal), rechts zu seinen individualisierten Programmen, links in die Channel-Auswahl, unten ist das Bedienungspanel des aktuellen Clips.

  • Joost läuft stabil und schnell. Muss man sich bei Zattoo und Co sehr häufig mit Aussetzern von Bild und Ton abgeben, läuft das bei Joost um Längen besser. Außerdem sehr kurze Buffer-Zeiten.
  • Eine Bild- und Tonqualität, die im Bereich IPTV ihresgleichen sucht, und teilweise nahe an herkömmliche Fernsehbilder heranreicht. Wer seine Augen und Ohren bisher mit den kleinen Videofenstern der anderen P2p-TV-Anbietern malträtiert hat oder an die Youtube-Fensterchen gewohnt ist, wird von Joost teilweise angenehm überrascht. Vor allem bei schnellen Bildwechseln hat Joost Probleme, ansonsten sieht das aber schon ganz nett aus:


Es ist wohl nur eine Frage der Zeit und der Massen-Verbreitung von VDSL, bis IPTV auch bei der Bildqualität mit HD-TV gleichzieht.

Man merkt, dass hinter Joost fähige Menschen stehen. Die Tatsache, dass man sich so lange Zeit mit dem Beta-Test gelassen hat, stellt sich als richtig heraus: Das Programm läuft fehlerfrei, und die schieren Mengen an Programmen, die man neuen Nutzern vom offiziellen Start weg anbieten kann, sollten ausreichen, um sich schnell eine große Zuschauerschar zu sichern.

Die Strategie, die man bei Joost dabei verfolgt, ist meiner Meinung im Zeitalter digitaler Medien die bis jetzt erfolgversprechendste, was das Verbreiten von AV-Inhalten angeht: Keine Konzentration auf ein paar (sauteure) Killer-Inhalte, sondern eine sehr breite Masse von Angeboten. So wird garantiert, dass für jeden Geschmack irgend etwas dabei ist.

Die Möglichkeit, sich à la YouTube, seine eigenen Favoriten-Channels selbst zusammenzustellen, sorgt dafür, dass man seine liebsten Inhalte bzw. Channels immer sofort zur Hand hat. Individualisierung und die Möglichkeit, mit anderen Nutzern zu chatten, sind ein bedeutender Schritt in Richtung interaktives Fernsehen. Nicht interaktiv im Sinne von 9Live, sondern interaktiv im Sinne von Social Networking meets TV.

Joost trifft den zukünftigen Trend des Fernsehen am ehesten: Im Zuge der Digitalisierung des Fernsehens differenzieren sich die Angebote immer weiter aus. Früher gab's 3 Programme, in einem Jahrzehnt 3.000. Und auf Joost findet man sie alle und kann sich daraus sein eigenes Programm zusammenbasteln. Außerdem setzt Joost konsequent auf On-Demand Technik. Es wird nicht einfach ein existierendes TV-Programm gestreamt. Der Nutzer entscheidet, wann, wie oft er welche Programme guckt.

Die Fernsehstationen werden so zu reinen Inhalt-Lieferanten, aber einen Programmmacher braucht man bald wirklich nicht mehr. Man will eine Folge der Chappelle's Show gucken, nachdem man gerade aufgestanden ist? Wieso bis abends warten, wenn man sie sich via Joost sofort anschauen kann. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb Joost vor allem viele Junge Zuschauer anziehen wird. Und um die geht es schließlich.

Denn mit Joost soll ja auch Geld verdient werden. Und dafür scheint das Programm perfekt gerüstet: Es ist attraktiv für junge Nutzer und es bietet die Chance für gezielte Werbung. Je mehr Angaben man im Profil über seine Person macht, desto genauer kann Werbung für jeden Nutzer individuell geschaltet werden.

Zusammen mit den Nutzungsprofilen können die Werbungtreibenden auf Joost ihre Zielgruppen sehr genau ansprechen. Und mit so einem System lässt sich viel Geld verdienen. Siehe Google. Die Werbung ist zudem (noch) nicht sehr aufdringlich: Schaut man sich ein Programm an, erscheint ab und zu in der Ecke ein kleines Banner (hier ist es das kleine Grafik-Feld unten rechts, übrigens eine Opel-Werbung):


Da kann man draufklicken und sich die Werbung anschauen, oder es ignorieren, so dass es nach ein paar Sekunden wieder verschwindet. Bleibt nur die Frage, ob sich mit dieser Form von Werbung allein genug Umsatz erzielen lassen wird. Angenehm auf jeden Fall: Das Programm wird nicht durch Werbeblöcke unterbrochen. Der Nutzer wird stattdessen mehr oder weniger eingeladen, sich die Werbung anzuschauen. Werbe-Fachleute nennen so etwas Pull-Modell. Das ist für den Nutzer deutlich angenehmer als die Push-Werbung, wie man sie aus den Werbeblöcken der Privatsender kennt. Vor allem bei älteren Archiv-Inhalten (z.B. Spielfilmen) gibt es aber noch althergebrachte Werbeunterbrechungen. Das sollte meiner Meinung nach schnelltsmöglich abgeschafft werden.

Ich denke, Joost wird ein Erfolg. Denn dahinter steht bekanntlich der Mann, der schon zwei andere Industrien auf den Kopf gestellt hat: Niklas Zennström. Bekannt geworden durch KaZaA, reich geworden durch Skype, versucht er jetzt nach der Musik- und der Telekommunikationsindustrie auch die Fernsehwirtschaft aufzumischen. Ich meine: Von allen Wettbewerbern hat er mit Joost die besten Voraussetzung, die Zukunft des Fernsehens maßgeblich zu bestimmen. Vielleicht sind dessen angestammte Vertreter deshalb schon vor ein paar Monaten vorsichtshalber bei Joost eingestiegen.

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